Le temps du goût in Kyoto: Ein stilles Juwel der französischen Patisserie in Ichijoji

Die honigfarbene Arbeitsfläche mildert das kühle Grau der Sichtbetonwände und bringt eine sanfte Wärme in den Raum
Die honigfarbene Arbeitsfläche nimmt den kühlen Betontönen die Härte und verleiht dem Raum eine zurückhaltende, einladende Wärme.

Zum ersten Mal begegnete mir Le temps du goût, ein kleines französisches Patisserie-Café in Kyoto, beim Durchblättern eines japanischen Lifestyle-Magazins. Ich las nur halb mit, blätterte eher nebenbei, als mir der französische Name Le temps du goût (wörtlich „die Zeit des Geschmacks“) plötzlich ins Auge fiel. Ich prüfte die Adresse, stellte fest, dass es nicht weit von zu Hause ist, und markierte es in Google Maps – als Teil meiner persönlichen Liste der Café-Empfehlungen in Kyoto. Dann wurde der Alltag voll – und die Markierung rutschte still nach unten auf meiner Karte.

Monate später, an einem frühen Herbstmorgen, hatten wir Erledigungen in der Nähe des Philosophenwegs (Tetsugaku no Michi) und wollten rund um Shirakawa-dori und Kitaoji-dori etwas essen. Danach war das Wetter so schön, dass es sich fast verschwenderisch anfühlte, direkt nach Hause zu gehen. Herbst in Kyoto hat diese Wirkung – sobald man draußen ist, will man nicht zu schnell zurück. Es wäre schade gewesen, so einen Herbsttag in der Hochphase der Laubfärbung ungenutzt verstreichen zu lassen.

Also machten wir einen kleinen Umweg und schauten in ein neues Café.

Da fiel mir Le temps du goût wieder ein – der kleine Dessertladen, den ich mir auf der Karte gespeichert hatte, praktischerweise nur ein paar Minuten entfernt.

Wir folgten der Kitaoji-dori Richtung Takano und bogen kurz vor dem Shirakawa-Kanal in eine Seitenstraße ab. Dort – versteckt in einer ruhigen Wohnstraße im Kyotoer Viertel Ichijoji – fanden wir Le temps du goût. In diesem Teil der Stadt sind nur wenige Touristen unterwegs – alles wirkt spürbar lokal.

Von außen ist das Café bewusst zurückhaltend: Sichtbetonwände kombiniert mit einer Reihe von Glasbausteinen. Der Eingang ist klein, gekennzeichnet nur durch ein bronzenes Namensschild und eine einzelne Lampe über der Tür. Das Ganze fügt sich so unauffällig in die Straße ein, dass man leicht vorbeiläuft, ohne es zu bemerken. Es gibt keine inszenierten „Foto-Spots“ und nichts von der üblichen Patisserie-Niedlichkeit. Auf den ersten Blick wirkt es eher wie ein Designstudio oder ein kleines Architekturbüro als wie ein Dessertladen.



Interior Design & Gebäckvitrine: zurückhaltend, warm und mit französischem Flair

Die Auslage ist gefüllt mit Financiers, Madeleines, Pound Cake, Canelés und weiteren Backwaren
In der Auslage liegen klassische französische Backwaren wie Financiers, Madeleines, Pound Cake und Canelés.

Wir stellten die Fahrräder ab und blieben einen Moment vor dem Eingang stehen. Es war so ruhig, dass man in der Ferne vereinzelt ein Auto hörte – und das leise Rauschen des Wassers aus Richtung Kanal. Das frühe Herbstlicht fiel auf die Bäume am Shirakawa-Kanal; ihre Blätter wurden langsam tiefer rot und gold. Für einen Augenblick hatte man das Gefühl, das Öffnen der Tür könnte etwas Zartes stören.

Drinnen zieht sich die gesamte rechte Seite wie eine durchgehende Linie aus Arbeitsfläche und Gebäckauslage entlang. Nahe am Eingang liegen Kasse und Pour-over-Station; weiter hinten folgen Vitrine und offene Küche, dezent getrennt durch feine Unterschiede in den Holznuancen. Die Küchenarbeitsfläche leuchtet in einem honigwarmen Ton, der das kühle Grau-Blau der Betonwände abmildert – und dem Raum eine ruhige, unaufdringliche Leichtigkeit gibt.

Auffällig ist auch: Das Interior-Design wurde nicht an ein kommerzielles Studio vergeben. Stattdessen arbeiteten die Betreiber eng mit einem befreundeten Architekten zusammen, zeichneten Pläne von Hand und verfeinerten sie Schritt für Schritt. Die Kombination aus Sichtbeton und Glasbausteinen hält die Gestaltung klar und minimal und lässt zugleich viel Tageslicht herein. Tagsüber wirkt das Café hell und angenehm; im Winter fängt es Sonne, im Sommer bleibt es luftig statt stickig – ganz ähnlich wie die französischen Backwaren in der Auslage: auf den ersten Blick schlicht, im Detail jedoch durchdacht.

Eine klare Trennlinie zwischen Arbeitsfläche und Auslage gibt es nicht; optisch geht beides nahtlos ineinander über. Sauber geordnete Tellerreihen und Glasglocken zeigen eine Auswahl an Gebäck. Unter den Glocken liegen Financiers, Madeleines, Pound Cake und Canelés auf dunklen Holzbrettern. Warmes Holz und sanftes Licht lassen jedes Stück besonders appetitlich wirken. Vor jedem Gebäck steht ein schwarzes, handbeschriftetes Schildchen in weißer Tinte – eine klare, zurückhaltende Handschrift, die den handwerklichen Charakter kleiner Chargen im Café leise unterstreicht.

Ganz hinten im Raum steht eine kleine Bar. Die lange Platte aus Massivholz, die heute Bar und Arbeitsbereich bildet, stammte ursprünglich aus dem Haus eines Verwandten und lag dort jahrelang ungenutzt. Nach dem Abschleifen und Ölen wurde sie wiederbelebt – als einer der wärmsten Blickpunkte im Raum. Auf der Fläche stehen Gläser und Flechtkörbe: Gläser mit Keksen, Trockenfrüchten und Zuckerstücken; Körbe mit hausgemachten Konfitüren und Fruchtlikören. Viele dieser Gläser und Körbe, so erzählen die Betreiber, gehörten früher den Älteren in der Familie und waren Teil des alltäglichen Küchenlebens. In dieser neuen Verwendung bringen sie eine stille „Prise Zuhause“ in den Raum.

Der Innenraum kommt ohne Trennwände oder abgeschlossene Bereiche aus; der Blick führt geradewegs bis in die Küche. Offen – aber nie kühl; luftig, ohne sich ausgestellt anzufühlen.

Es gibt nur wenige Sitzplätze: drei an der Bar, einen runden Tisch für vier Personen und zwei kleine Zweiertische
Es gibt nur wenige Sitzplätze: drei an der Bar, einen runden Tisch für vier Personen und zwei kleine Zweiertische.

Die Sitzplätze sind begrenzt – drei Plätze an der Bar, ein runder Walnusstisch für vier und zwei kleine Zweiertische. Jeder Stuhl hat eine andere Form und einen anderen Stil, als wären sie zusammengetragen aus verschiedenen Kapiteln des Alltags. An den Wänden hängen nur ein paar Bündel Trockenblumen und eine einzelne Topfpflanze. Minimal, aber nie karg – ganz im Einklang mit dem Charakter des Cafés: ruhig, sanft und gelassen, dabei still selbstbewusst.

Le temps du goût wird von einem Ehepaar geführt. Der Inhaber, Herr Yamashita, hat über Jahre in mehreren französischen Patisserien in Kyoto gelernt. Er verantwortet alles – von Rezeptentwicklung und Zutatenwahl über Backen bis zum Anrichten. Besonders sorgfältig kombiniert er französische Butter mit saisonalen japanischen Früchten und passt die Nuancen von Financiers, Pound Cake und Canelés im Lauf des Jahres subtil an. Der Duft von brauner Butter und die zart-feuchte Krume wirken wie eine direkte Umsetzung seiner Idee von „Dessert für jeden Tag – richtig gemacht“.

Seine Frau, zuständig für den handgebrühten Kaffee, ist die zweite Seele des Hauses. Die Bohnen bezieht sie in Zusammenarbeit mit den Kyotoer Röstereien WEEKENDERS COFFEE und Kurasu – mit viel Augenmerk auf Röstprofil und Extraktion. Wenn man eintritt, sieht man sie oft konzentriert an der Pour-over-Station, ihre Bewegungen ruhig und ohne Hast. Zwischendurch schaut sie auf, spricht kurz mit Stammgästen und teilt Notizen zur Herkunft der Bohnen oder zum Profil der aktuellen saisonalen Auswahl.

In den Instagram-Stories des Cafés tauchen gelegentlich Einblicke in ihre Experimente nach Ladenschluss auf – die beiden testen neue Ideen, diskutieren Zutaten, probieren und justieren. Kreationen wie ein karamellisierter Apfel-Canelé oder ein in Likör getränkter Kirsch-Pound-Cake entstehen in diesen späten Sessions. Vielleicht ist es genau diese Balance aus professionellem Handwerk und Alltagsrhythmus, die den Ort so überzeugend macht: Es geht nicht nur um Gebäck und Kaffee, sondern um zwei Menschen, die in Kyoto ihre eigene, leise Variante von französisch inspirierter Café-Kultur formen.


Die Geschichte hinter „Le temps du goût“: eine leise Philosophie von Geschmack und Handwerk

Wir bestellten zwei Pour-over-Kaffees, einen Pistazien-Financier und eine Langue de Chat
Wir bestellten zwei Pour-over-Kaffees, einen Pistazien-Financier und eine Langue de Chat.

Der Name Le temps du goût lässt sich wörtlich mit „die Zeit des Geschmacks“ übersetzen – eine Formulierung, die zugleich bewusstes Innehalten und genussvolles Verweilen im Moment beschreibt. Das Café entstand aus einem einfachen Wunsch: dass alle, die vorbeikommen, ein kleines Zeitfenster finden können, das ganz dem Geschmack gehört – einer Tasse Kaffee, einem Stück Gebäck – selbst mitten in einem geschäftigen Tag. Diese vier französischen Worte fassen die feine Beziehung zwischen Zeit und Sinneswahrnehmung zusammen: poetisch, aber zugleich ruhig und erdend.

Le temps du goût eröffnete im Juni 2023. Alles – vom Standort über das Raumkonzept bis zur Gestaltung der Karte – wurde vom Ehepaar selbst entwickelt, vollständig in Handarbeit. Die bewusst offen gehaltene Küche erlaubt Einblicke beim Zubereiten der Patisserie, während sich der Duft von frisch gebackenem Gebäck und handgebrühtem Kaffee ganz selbstverständlich im Raum verteilt.

An diesem Tag bestellten wir zwei Tassen Pour-over-Kaffee, einen Pistazien-Financier und eine Langue de Chat (ein dünnes französisches Buttergebäck). Der Financier verströmte ein intensives Aroma gebräunter Butter und hatte eine außergewöhnlich feine, butterige Krume – ein kleines Detail, das sofort die Sicherheit und das Können des Pâtissiers erkennen lässt. Seitdem zählt das Café für uns zu den liebsten französisch geprägten Cafés im Kyotoer Stadtteil Sakyo-ku.


Die Speisekarte bei Le temps du goût

Die Karte von Le temps du goût passt auf eine Seite – auf den ersten Blick schlicht, im Detail jedoch sorgfältig durchdacht. Im Mittelpunkt stehen Pour-over-Kaffee, Schwarztee und Kräutertee. Ergänzend zu den klassischen Backwaren bietet das Café handgemachte Tagesdesserts, die auf kleinen handgeschriebenen Zetteln angekündigt werden. Diese wechseln je nach Saison und Inspiration der Bäcker und sorgen bei jedem Besuch für eine leise Vorfreude.
Parallel dazu zeigt die Gebäckvitrine eine wechselnde Auswahl frisch gebackener Spezialitäten wie Madeleines, Financiers, Mini-Tartelettes und Cookies.


Shop-Informationen


Fazit

Ein Café, zu dem man ganz selbstverständlich immer wieder zurückkehrt. Ohne laute Werbung, aber mit spürbarer Aufrichtigkeit und sicherem Geschmack in jedem Detail. Vom Duft der Backwaren über die Tiefe des Kaffees bis zur ruhigen Konzentration der Betreiber bei der Arbeit wirkt Le temps du goût wie ein Ort, an dem Zeit bewusst und wertschätzend behandelt wird.

In sozialen Netzwerken taucht der Hashtag #ルタンドゥグー häufig zusammen mit Beschreibungen wie verstecktes Juwel in Kyōto auf. Manche Dessertliebhaber empfinden das Café weniger als klassische Patisserie, sondern eher als persönlichen Raum, geprägt von seinen Betreibern – warm, durchdacht und leise intim. Holzmöbel, geflochtene Körbe und gut genutztes Geschirr verstärken den Eindruck eines Ortes für den Alltag, nicht für die Inszenierung.

Besonders die Canelés und Financiers werden von Stammgästen hervorgehoben und zählen für viele zu den besten im Nordosten Kyōtos. Die Kaffeebohnen stammen von angesehenen lokalen Röstereien wie WEEKENDERS COFFEE und Kurasu, während das Dessertangebot mit den Jahreszeiten wechselt – sodass es fast immer etwas Neues zu entdecken gibt.

Wer in Ichijōji oder im Takano-Viertel in Sakyō-ku unterwegs ist, sollte diesen kurzen Abstecher unbedingt einplanen. Ein idealer Ort für alle, die einen ruhigen Moment und sorgfältig gemachte französisch inspirierte Süßspeisen in Kyōto suchen.