Kyoto beherbergt unzählige Cafés – von traditionellen Machiya-Stadthäusern über Retro-Kaffeestuben im Shōwa-Stil bis hin zu klaren, minimalistischen Räumen, die alle ihren eigenen, unverwechselbaren Reiz besitzen.
Doch nur wenige sind so geschichtsträchtig wie das Francois Café (auch bekannt als Salon de thé FRANCOIS) – ein Ort, an dem sich Nostalgie und stille Eleganz auf natürliche Weise verbinden. Ein Café, das den Geist des alten Kyotos ebenso einfängt wie die Romantik eines europäischen Salons – und heute als eines der bekanntesten historischen Cafés in Kyoto gilt.
Seit seiner Eröffnung im Jahr 1934 liegt dieses zeitlose Café in einer schmalen Gasse unweit von Shijo Kawaramachi, dem lebhaften Zentrum der Stadt. Wir entdeckten es zum ersten Mal während eines Spaziergangs entlang der Kiyamachi-Straße. Die Fassade – zurückhaltend, würdevoll und stets gut besucht – zog uns sofort in ihren Bann.
Sobald man die Tür öffnet, fühlt man sich in einen europäischen Salon vergangener Zeiten versetzt: weiße Tonnengewölbe, rote Samtsessel, gedrehte Säulen, bunte Bleiglasfenster und eine still lächelnde Mona Lisa, die den Raum überblickt. Alles scheint leise zuzuflüstern: „Lass dir Zeit. Setz dich. Trink einen Kaffee.“
Im Jahr 2003 schrieb das Francois Café Geschichte, als es als erstes Café Japans zum nationalen eingetragenen materiellen Kulturgut erklärt wurde – und damit offiziell Teil des lebendigen Kulturerbes der Stadt Kyoto wurde.
Geschichte, Kunst und das kulturelle Herz Kyotos
Der Name Francois (フランソア) geht auf Jean-François Millet zurück, den französischen Maler, der für seine eindrucksvollen Darstellungen bäuerlichen Lebens bekannt ist. Im Inneren des Cafés finden sich Reproduktionen seiner Werke wie The Sower (1850) und The Gleaners (1857), gemeinsam mit Klassikern wie Leonardos Mona Lisa (ca. 1503–1506), Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring (ca. 1665) oder Botticellis Die Geburt der Venus (ca. 1484–1486). Die Wände wirken wie ein kleiner, aber feiner Kunstsalon.
Masakazu Tachino, der Gründer, war ein Intellektueller und glühender Kunstliebhaber. In unruhigen Zeiten schuf er einen Ort, an dem Menschen sich austauschen, Gedanken teilen – oder einfach in stillem Schweigen verweilen konnten. Die Sitzplätze sind in einer sanften Hufeisenform angeordnet, sodass sowohl die Fensterplätze als auch die abgeschiedenen Ecken ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Das Gewölbe erinnert bewusst an die prunkvollen Bankettsäle luxuriöser Ozeandampfer.
Unübersehbar ist auch die alte Paris-Karte an der Wand. Man sagt, sie hänge dort seit der Eröffnung im Jahr 1934 – ein stiller Zeuge der Jugend vieler Generationen von Bewohnern Kyotos.
Ein besonders charmantes Detail: 1947 eröffnete an der Südseite des Cafés die kleine Buchhandlung Mire (ミレー書房), spezialisiert auf westliche Literatur und Philosophie. Viele Studierende und Professoren der Kyoto University und der Doshisha University kamen regelmäßig hierher – stöberten in Büchern, tranken Kaffee und diskutierten große Ideen.
Die Buchhandlung wurde später unabhängig und erhielt den Namen San-gatsu Shobo („März-Buchhandlung“), eine geschätzte unabhängige Buchhandlung Kyotos, die jedoch 2021 schließen musste. Für unzählige Leserinnen und Leser bleibt sie ein fest verankertes Erinnerungsstück.
Es heißt, dass bedeutende Persönlichkeiten wie Tsuguharu Fujita und Osamu Dazai hier Zeit verbrachten und tiefgehende Gespräche führten. Das Café taucht zudem in den Romanen von Harumi Setouchi und Nobara Takemoto auf – Autorinnen, die seinen besonderen Platz in Kyotos literarischer Welt festgehalten haben.
Vielleicht fragst du dich, wer die genannten Persönlichkeiten sind:
Tsuguharu Fujita war ein gefeierter japanischer Maler, der in Paris wirkte – berühmt für seine milchweißen Akte und seine einzigartige Ost-West-Ästhetik. Er zählt zu den wenigen japanischen Künstlern, denen der Durchbruch in der europäischen Kunstszene gelang.
Osamu Dazai war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Shōwa-Zeit. Seine Werke kreisen um Themen wie Entfremdung und innere Zerrissenheit. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Ningen Shikkaku / Menschen ohne Würde“ (1948) und „Shayo / Die untergehende Sonne“ (1947).
Harumi Setouchi wurde später unter dem Namen Jakuchō buddhistische Nonne. Sie schrieb über Liebe, Glauben und das Leben von Frauen. Zu ihren prägenden Werken gehören „Das Ende des Sommers“ (1963) sowie ihre moderne japanische Übersetzung des „Genji Monogatari“ (1998).
Nobara Takemoto ist bekannt für Literatur über Gothic Lolita, Jugend- und Subkulturen – oft mit Kyoto als Bühne. Sein Kultklassiker „Kamikaze Girls“ (2002) wurde später erfolgreich verfilmt.
Auch als Drehort hat das Café einen festen Platz: Filme wie „The Actress“ (1997) und „Bit Players“ (2000) wurden hier teilweise gedreht. Man sagt, dass Kaneto Shindo, renommierter Regisseur und Drehbuchautor, einst gemeinsam mit Nobuko Otowa – einer der bedeutendsten Schauspielerinnen Japans – hier zu Gast war. Ein Duo, das in der japanischen Filmgeschichte als legendäres Paar gilt.
Speisen und Getränke im Francois Café in Kyoto
Ob du Lust auf einen nostalgischen Shōwa-Pudding, ein zartes Stück Birnentarte oder einfach auf eine entspannte Tasse Kaffee hast – das Francois Café serviert Desserts und Getränke, die mit viel Sorgfalt und angenehmer Ruhe zubereitet werden. Hier ein Blick auf das aktuelle Angebot:
| Artikel | Beschreibung | Preis (¥) |
|---|---|---|
| Kuchen-Set | Ein Stück Kuchen nach Wahl + Kaffee oder Tee | 1.350 |
| Pudding-Set | Hausgemachter Shōwa-Vanillepudding + Kaffee oder Tee | 1.550 |
| Kuchen des Tages | Birnentarte, Zitronentarte, Käsekuchen u. a. | ca. 700 |
| Shōwa-Vanillepudding | Einzeln bestellbar | 900 |
| Vanilleeis | Schlicht und cremig | 850 |
| Kaffee-Gelee | Serviert mit Schlagsahne | 950 |
| Toast-Auswahl | Butter, Marmelade oder Zimtzucker (Nur in Verbindung mit einem Getränk) | 550–650 |
| Sandwiches | Ei, Gemüse oder Schinken, jeweils mit Salat | 950–1.100 |
| Schwarzer Kaffee / Americano | Klassisch gebrüht | 700 |
| Café au Lait | Mit aufgeschäumter Milch | 800 |
| Wiener Kaffee | Mit Schlagsahne getoppt | 900 |
| Brandy Coffee | Mit Hennessy | 1.650 |
| Coffee Float | Mit Vanilleeis | 1.100 |
| Teeauswahl | Milchtee, Royal Milk Tea (japanischer Milchtee), Apfeltee (Fortnum & Mason), Whiskey-Tee | 700–850 |
| Säfte | Kōchi-Yuzu, Yamagata-Birne, Nagano-Traube | 800–900 |
| Kakao / Milch | Heiß, eisgekühlt oder mit Schlagsahne; milchbasierte Getränke | 750–850 |
| Softdrinks | Ginger Ale, Yuzu-Soda, Eissoda | 800–900 |
| Bier | Yebisu Premium, Guinness Stout | 900–1.100 |
| Brandy / Whiskey | Hennessy V.S., Old Parr 12 Years u. a. | 1.100–1.300 |
※ Nur Barzahlung möglich. Keine Reservierungen. Jede Person muss mindestens einen Artikel bestellen. Im gesamten Café gilt Rauchverbot. Während der Stoßzeiten ist die Sitzdauer auf etwa zwei Stunden begrenzt.
Preise gültig ab 2025. Angebot und Preise können variieren – bitte die aktuelle Speisekarte des Francois Café in Kyoto einsehen.
Birnentarte, Shōwa-Pudding und Kaffee: ein unwiderstehliches Trio
Neben seiner Architektur, seinem nostalgischen Charme und seiner langen Geschichte ist das Francois Café vor allem für seine hochgelobten Desserts bekannt.
Bei unserem ersten Besuch probierten wir die französisch inspirierte Birnentarte. Die karamellisierten Birnen waren weich, duftend und dezent süß mit einem Hauch von Karamell – sie zergingen förmlich auf der Zunge. Der Mürbeteig war knusprig und buttrig – genau die Art Gebäck, die wir besonders lieben.
Ein anderes Mal trafen wir uns dort mit Freunden und bestellten den berühmten Shōwa-Pudding. Sein reiches Eieraroma und der leicht bittere Karamell machten jeden Löffel zu einem wohltuenden Genuss. Ein Schluck heißer Kaffee dazu – und die ganze Reisemüdigkeit fiel augenblicklich von uns ab.
Das Francois Café serviert Kaffee in klassischer, traditionsreicher Manier – von einfachem schwarzen Kaffee bis hin zu Café au Lait. Wer Lust auf eine nostalgische Note hat, sollte unbedingt den Wiener Kaffee mit Schlagsahne probieren, ein zeitloser Favorit der Shōwa-Ära.
Falls noch Platz bleibt: Auch der Käsekuchen oder die Sandwiches sind ausgezeichnet. Es ist einer dieser Orte, an denen man wirklich zur Ruhe kommt und das Gefühl hat, dass die Zeit ein wenig langsamer vergeht.
Wärme im Detail: Musik und Atmosphäre
Um die künstlerische und nostalgische Atmosphäre zu unterstreichen, erklingt im Café häufig klassische Musik – mit Komponisten wie Beethoven, Mozart, Schubert und anderen Meistern ihrer Zeit.
Früher hing am Eingang sogar eine tägliche Aushangliste, die anzeigte, welcher Komponist an diesem Tag zu hören war. Diese Tradition gibt es zwar nicht mehr, doch viele Stammgäste erinnern sich gern an diese musikalischen Tage zurück.
Insgesamt ist dies ein klassisch eingerichtetes Café mit einer besonderen Stimmung und einer bemerkenswerten Geschichte.
Es gibt kein WLAN, was dazu einlädt, die Gedanken schweifen zu lassen, ein Reisetagebuch zu schreiben, der Musik zuzuhören, aus dem Fenster zu sehen oder einfach zu träumen. Im Frühling rahmen blühende Kirschbäume den Eingang ein, und nur wenige Schritte entfernt fließt der sanfte Takase-Fluss.
Von alten Sesseln zu zeitlosen Erinnerungen
- Das Francois Café schloss während des Zweiten Weltkriegs vorübergehend und wurde unter dem Namen Miyako Sabō (都茶房) weitergeführt. Nach dem Krieg eröffnete Masakazu Tachino das Café erneut – mit dem Wunsch, einen friedlichen Ort für intellektuellen Austausch zu schaffen, weit über Kaffee hinaus.
- In den 1930er Jahren, als neue kulturelle Strömungen in Kyoto aufblühten, wurde das Café zu einem Treffpunkt für Studierende, Künstler und Professoren – ein kleiner Salon seiner Epoche.
- Die schmiedeeisernen Geländer und Schilder des Cafés sollen die Eleganz der Geisha-Viertel Kyotos mit klassischer europäischer Ästhetik verbinden. Sie sind seit der Shōwa-Periode nahezu unverändert geblieben – als hätte selbst die Zeit Ehrfurcht vor ihnen.
- Beim Betreten lohnt sich ein Blick nach oben: Die Kuppel und die Wandmalereien wurden vom italienischen Künstler Benvenni entworfen und von lokalen Handwerkern ausgeführt – angeblich inspiriert von den prachtvollen Ballsälen luxuriöser Kreuzfahrtschiffe.
- Mehrere Holzelemente und die roten Samtsessel stammen noch aus der Eröffnung von 1934. Trotz sorgfältiger Renovierungen ist der Charakter der Shōwa-Ära weitgehend erhalten geblieben.
- Früher gab es hier sogar eine Briefaustausch-Box, in der Studierende der Kyotoer Universitäten Nachrichten hinterließen und Geheimnisse teilten. Man nannte sie liebevoll den „Briefkasten des Herzens“.
- Studierende und Professoren der Kyoto University und der Doshisha University kamen häufig, um über Philosophie, Literatur und Politik zu diskutieren. So verdiente sich das Café im Laufe der Zeit seinen Ruf als Kultur-Salon Kyotos.
- 1947 wurde die angrenzende Mire Bookstore unabhängig und erhielt den Namen San-gatsu Shobo. Sie blieb bis zu ihrer Schließung im Jahr 2021 ein geschätzter Ort für Literatur und intellektuellen Austausch.
Lohnt sich ein Abstecher ins Francois Café – oder reicht ein kurzer Zwischenstopp?
Viele fragen sich, ob sich ein gezielter Besuch im Francois Café wirklich lohnt. Für mich lautet die Antwort eindeutig: ja. Zumal seine Lage kaum zentraler sein könnte – mitten in Shijo Kawaramachi, nur wenige Schritte vom Takase-Fluss und der Kiyamachi-Straße entfernt.
Tatsächlich wirst du bei einem Kyoto-Besuch fast automatisch in dieser Gegend vorbeikommen. Ein Umweg ist also kaum nötig. Selbst wenn du es nicht geplant hast, landest du mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann in der Nähe.
Warum also lange überlegen, ob es einen „besonderen Abstecher“ wert ist? Geh einfach hinein, wenn du ohnehin vorbeikommst – beim Bummeln, Shoppen oder während du auf jemanden wartest. Und sobald du in einem der roten Samtsessel sitzt, hast du vielleicht das Gefühl, dass diese kleine Ecke Kyotos schon immer auf dich gewartet hat.
Informationen zum Café
| Café-Informationen|Francois Café(フランソア喫茶室) | |
|---|---|
| Adresse | 184 Sendōchō, Shimo-Kiyamachi-dōri, Shimogyo-ku, Kyoto 600-8019 |
| Telefon | 075-351-4042 |
| Öffnungszeiten |
Täglich|10:00–22:00 Uhr Letzte Bestellzeit für Speisen: 20:00 Uhr Letzte Bestellzeit für Getränke und Kuchen: 21:30 Uhr |
| Ruhetage | Ganzjährig geöffnet (geschlossen vom 31. Dezember bis 2. Januar) |
| Erreichbarkeit | Nur wenige Schritte von der Bushaltestelle Shijo Kawaramachi oder vom Bahnhof Kyoto-Kawaramachi (Ausgang 1B) entfernt |
| Offizielle Website | https://francois1934.com/ |
| Besonderheiten |
Nationales Eingetragenes Materielles Kulturgut, italienisch-barockes Interieur, klassische Musik Beliebte Desserts: Birnentarte, Pudding Rauchfrei, nur Barzahlung, keine Reservierungen, kein WLAN |